Nadja Greisdorfer Nadja Greisdorfer

Trageerschöpfung beim Pferd: Wenn das System „Rumpfträger“ kollabiert

In meiner täglichen Arbeit begegnet mir ein Krankheitsbild immer häufiger, das oft erst erkannt wird, wenn es fast schon zu spät ist: die Trageerschöpfung. Es ist ein schleichender Prozess, bei dem das Pferd die physische Fähigkeit verliert, das Reitergewicht gesund zu kompensieren.

Bei den Pferden die mir vorgestellt werden sehe ich ein Krankheitsbild immer wieder: die Trageerschöpfung. Es ist ein schleichender Prozess, bei dem das Pferd die physische Fähigkeit verliert, das Reitergewicht gesund zu kompensieren.

Was passiert bei einer Trageerschöpfung?

Das Pferd besitzt kein Schlüsselbein. Der Rumpf ist lediglich über ein komplexes Geflecht aus Muskeln, Sehnen und Faszien (den sogenannten Rumpfträgersystemen) zwischen den Schulterblättern aufgehängt. Ein gesundes Pferd trägt seinen Rumpf durch die Kraft der Rumpfträgermuskulatur (M. serratus ventralis als wichtigster Tragemuskel) aktiv zwischen den Schulterblättern nach oben. Bei der Trageerschöpfung passiert das Gegenteil: Der Brustkorb sinkt ab und rotiert nach vorne-unten.

Man kann sich das wie eine Wippe vorstellen: Wenn das vordere Ende (der Brustkorb) absinkt, verändert sich die gesamte Statik. Dies führt oft zu einer optischen Veränderung, die als Karpfenrücken wahrgenommen wird – eine Aufwölbung in der Lendenpartie, die jedoch keine echte Kraft darstellt, sondern eine reine Kompensationsspannung ist, um das Absinken des Rumpfes abzufangen.

Die Folgen sind fatal: Die Wirbelsäule sackt ab, die Dornfortsätze kommen sich gefährlich nahe (Kissing Spines Gefahr) und die Vorhand wird massiv überlastet.

Die Detektivarbeit: Woran erkennst du die Erschöpfung?

Als Trainer für PHYSIOFIT ist die ganzheitliche Beurteilung ein wichtiges Werkzeug. Es gibt klare Indikatoren, auf die ich bei einem Check achte:

  • Exterieur-Veränderungen: Ein ausgeprägter „Axthieb“ vor dem Widerrist, ein hängender Rücken oder eine deutlich sichtbare Kuhle hinter der Schulter. Das Pferd steht einen großen Teil der Zeit rückständig, also die Vorhand nach hinten unter den Körper, um den Rumpf mechanisch zu stützen, statt ihn muskulär zu tragen.

  • Bewegungsmuster: Das Pferd wirkt „vorlastig“, stolpert häufig, zeigt Taktfehler oder eine allgemeine Unlust an der Bewegung. Manche Pferde werden „laut“ (Widersetzlichkeit), andere ziehen sich völlig in sich zurück.

  • Psychische Komponente: Wie ich in meiner Diplomarbeit über Massage und Psyche dargelegt habe, führt körperliche Überforderung oft zu mentalem Stress. Ein trageerschöpftes Pferd ist oft dauerhaft im „Überlebensmodus“.

wie kommt mein pferd da raus?

Die gute Nachricht: Trageerschöpfung ist oft reversibel. Doch es braucht einen radikalen Umstieg im Training. Ein bloßes „Viel vorwärts-abwärts“ reicht hier nicht aus und kann das Problem sogar verschlimmern, wenn das Pferd dabei nur auf die Vorhand fällt.

  1. Lösende Körperarbeit: Mittels manueller Techniken und Massage lösen wir die massiven Kompensationsverspannungen. Wir müssen dem Gewebe zeigen, dass es loslassen darf.

  2. Aktivierung der Rumpfträger: Durch gezieltes Bewegungstraining an der Hand und an der Longe lernen wir dem Pferd, den Brustkorb wieder aktiv anzuheben. Hierbei nutzen wir die Prinzipien der Geraderichtung.

  3. Entschlackung und Regeneration: Die betroffene Muskulatur ist oft übersäuert und minderversorgt. Manuelle Techniken helfen dabei, den Stoffwechsel zu aktivieren und das Gewebe zu „entschlacken“.

  4. Pausenmanagement: Ein erschöpftes System braucht Zeit. Wir arbeiten in Intervallen, die das Pferd fordern, aber nicht überfordern.

Fazit: Ursachenforschung statt Symptombekämpfung

Eine Trageerschöpfung entsteht nicht über Nacht. Sie ist das Resultat von unpassendem Equipment, falschem Training oder einer Überforderung der natürlichen Biomechanik. In meiner Arbeit helfe ich dir dabei, die Anzeichen frühzeitig zu deuten und einen Trainingsplan zu erstellen, der dein Pferd wieder in seine kraftvolle Mitte bringt.

Ein Pferd, das lernt, sich selbst zu tragen, gewinnt nicht nur seine Beweglichkeit zurück, sondern auch seine Ausstrahlung und Lebensfreude.

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Wer hilft wann? Tiermassage, Bewegungstraining, Osteopathie & Chiropraktik erklärt

Der Weg zur Balance: Pferdephysiotherapie, Osteopathie und Chiropraktik. Wer macht was?

Wer sein Pferd sportlich fördern, Höchstleistungen erwarten oder nach einer Verletzung wieder behutsam aufbauen möchte, stößt schnell auf eine Vielzahl an Therapeuten. Doch was ist eigentlich der Unterschied zwischen den Ansätzen?

Wer sein Pferd sportlich fördern, Höchstleistungen erwarten oder nach einer Verletzung wieder behutsam aufbauen möchte, stößt schnell auf eine Vielzahl an Therapeuten. Doch was ist eigentlich der Unterschied zwischen den Ansätzen? In Österreich ist die rechtliche Lage klar definiert: Die Diagnose und Behandlung von Krankheiten sowie invasive Eingriffe sind dem Tierärztegesetz unterstellt. Dennoch ist die Zusammenarbeit zwischen Tierarzt und qualifizierten Trainern für das langfristige Wohl des Pferdes aus meiner Sicht essenziell.

Fundierte Ausbildung: Trainer „PHYSIOFIT Pferde in Balance“

Meine Arbeit basiert auf einer intensiven, zweijährigen Ausbildung „PHYSIOFIT Pferde in Balance“ am Institut für Tiergesundheit und Pferdeverstand (ITP). Nach dem Start des Lehrgangs im März 2024 folgte im März 2026 der erfolgreiche Abschluss mit der Diplomprüfung zum Physio-Fit-Trainer.

Diese Ausbildung umfasst weit mehr als klassisches Training. Sie beinhaltet die ganzheitliche Beurteilung des Pferdes in der Bewegung sowie die gezielte Evaluierung von Problemzonen bei Reit- und Fahrpferden. Die erlernten Techniken entsprechen dem Berufsbild des Tiermasseurs und Tierbewegungstrainers der WKO. Damit arbeite ich auf Basis eines freien Gewerbes gemäß der österreichischen Gewerbeordnung, stets unter strikter Beachtung der Grenzen des Tierärztevorbehalts.

Was ist der Unterschied in der Herangehensweise?

Um die richtige Unterstützung für das eigene Pferd zu wählen, hilft ein Blick auf die unterschiedlichen Schwerpunkte:

  • Chiropraktik: Der Fokus liegt hier primär auf der Wirbelsäule und dem Nervensystem. Ein Chiropraktiker sucht nach "Subluxationen" (eingeschränkte Beweglichkeit von Gelenken) und löst diese durch schnelle, gezielte Impulse. Intervalle: Oft wird hier in akuten Phasen 1–2 Mal kurz hintereinander gearbeitet, danach folgen Kontrollen meist in größeren Abständen (3–6 Monate), sofern keine akuten Probleme auftreten.

  • Osteopathie: Osteopathie ist eine manuelle Behandlungsmethode, bei der das Pferd als zusammenhängendes System betrachtet wird. Durch gezielte, meist sehr feine Handgriffe werden Bewegungseinschränkungen in Gewebe, Gelenken und Organen aufgespürt und gelöst – dazu gehört auch die craniosacrale Arbeit, die sich mit den feinen Bewegungen von Schädel, Wirbelsäule und Kreuzbein beschäftigt. Ziel ist es, die Selbstheilungskräfte des Körpers zu unterstützen und das natürliche Gleichgewicht wiederherzustellen. Intervalle: Da der Körper Zeit braucht, um auf die Umstellung zu reagieren, liegen zwischen den Sitzungen oft 4–8 Wochen.

  • Pferdephysiotherapie: Hier liegt der Schwerpunkt auf dem gesamten Bewegungsapparat – Muskeln, Sehnen, Bänder und Faszien. Durch gezielte Übungen, Mobilisation und manuelle Techniken werden Schmerzen reduziert und Bewegungsabläufe verbessert. Ziel ist es, den Körper in seiner natürlichen Funktion zu unterstützen und langfristig gesunde Bewegung zu fördern. Intervalle: Physiotherapie ist oft ein Prozess. In der Rehabilitation können wöchentliche Termine sinnvoll sein, in der Prävention kann ein Rhythmus von 4–12 Wochen sinnvoll sein, um das Training optimal zu unterstützen.

  • Tiermassage & Bewegungstraining (Mein Fokus): Mittels manueller Techniken, gezielter Geraderichtung und lösender Körperarbeit wird die Beweglichkeit optimiert.

    • Muskelaufbau: Gezielte Reize helfen, Muskulatur zu erhalten oder neu zu formen.

    • Regeneration: Körper und Geist werden entspannt, entschlackt und aktiviert.

    • Intervalle: Hier ist Kontinuität der Schlüssel. Je nach Trainingszustand oder Zielsetzung begleite ich Pferde wöchentlich oder in mehrwöchigen Zyklen, um den Trainingsfortschritt zu sichern.

Die Detektivin für die Ursachenforschung

In meiner Arbeit gehe ich als „Detektivin“ vor. Eine Verspannung im Rücken ist oft nur das Ende einer langen Kette. Mein Ziel ist es, durch die Kombination aus manueller Körperarbeit und biomechanisch korrektem Training die Ursache zu finden – sei es ein unpassender Sattel, eine Fehlbelastung oder eine alte Kompensation.

Durch die fundierte Anatomie-Kenntnis aus meiner Ausbildung erkenne ich Dysbalancen frühzeitig. So können wir präventiv gegensteuern, bevor aus einer kleinen Einschränkung ein echtes Problem wird. Mein Ziel in ist ein zufriedenes, ausbalanciertes Pferd, das seinen Aufgaben körperlich und geistig gewachsen ist.

Möchtest du mehr über das PHYSIOFIT Konzept für dein Pferd erfahren?

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