Trageerschöpfung beim Pferd: Wenn das System „Rumpfträger“ kollabiert
Bei den Pferden die mir vorgestellt werden sehe ich ein Krankheitsbild immer wieder: die Trageerschöpfung. Es ist ein schleichender Prozess, bei dem das Pferd die physische Fähigkeit verliert, das Reitergewicht gesund zu kompensieren.
Was passiert bei einer Trageerschöpfung?
Das Pferd besitzt kein Schlüsselbein. Der Rumpf ist lediglich über ein komplexes Geflecht aus Muskeln, Sehnen und Faszien (den sogenannten Rumpfträgersystemen) zwischen den Schulterblättern aufgehängt. Ein gesundes Pferd trägt seinen Rumpf durch die Kraft der Rumpfträgermuskulatur (M. serratus ventralis als wichtigster Tragemuskel) aktiv zwischen den Schulterblättern nach oben. Bei der Trageerschöpfung passiert das Gegenteil: Der Brustkorb sinkt ab und rotiert nach vorne-unten.
Man kann sich das wie eine Wippe vorstellen: Wenn das vordere Ende (der Brustkorb) absinkt, verändert sich die gesamte Statik. Dies führt oft zu einer optischen Veränderung, die als Karpfenrücken wahrgenommen wird – eine Aufwölbung in der Lendenpartie, die jedoch keine echte Kraft darstellt, sondern eine reine Kompensationsspannung ist, um das Absinken des Rumpfes abzufangen.
Die Folgen sind fatal: Die Wirbelsäule sackt ab, die Dornfortsätze kommen sich gefährlich nahe (Kissing Spines Gefahr) und die Vorhand wird massiv überlastet.
Die Detektivarbeit: Woran erkennst du die Erschöpfung?
Als Trainer für PHYSIOFIT ist die ganzheitliche Beurteilung ein wichtiges Werkzeug. Es gibt klare Indikatoren, auf die ich bei einem Check achte:
Exterieur-Veränderungen: Ein ausgeprägter „Axthieb“ vor dem Widerrist, ein hängender Rücken oder eine deutlich sichtbare Kuhle hinter der Schulter. Das Pferd steht einen großen Teil der Zeit rückständig, also die Vorhand nach hinten unter den Körper, um den Rumpf mechanisch zu stützen, statt ihn muskulär zu tragen.
Bewegungsmuster: Das Pferd wirkt „vorlastig“, stolpert häufig, zeigt Taktfehler oder eine allgemeine Unlust an der Bewegung. Manche Pferde werden „laut“ (Widersetzlichkeit), andere ziehen sich völlig in sich zurück.
Psychische Komponente: Wie ich in meiner Diplomarbeit über Massage und Psyche dargelegt habe, führt körperliche Überforderung oft zu mentalem Stress. Ein trageerschöpftes Pferd ist oft dauerhaft im „Überlebensmodus“.
wie kommt mein pferd da raus?
Die gute Nachricht: Trageerschöpfung ist oft reversibel. Doch es braucht einen radikalen Umstieg im Training. Ein bloßes „Viel vorwärts-abwärts“ reicht hier nicht aus und kann das Problem sogar verschlimmern, wenn das Pferd dabei nur auf die Vorhand fällt.
Lösende Körperarbeit: Mittels manueller Techniken und Massage lösen wir die massiven Kompensationsverspannungen. Wir müssen dem Gewebe zeigen, dass es loslassen darf.
Aktivierung der Rumpfträger: Durch gezieltes Bewegungstraining an der Hand und an der Longe lernen wir dem Pferd, den Brustkorb wieder aktiv anzuheben. Hierbei nutzen wir die Prinzipien der Geraderichtung.
Entschlackung und Regeneration: Die betroffene Muskulatur ist oft übersäuert und minderversorgt. Manuelle Techniken helfen dabei, den Stoffwechsel zu aktivieren und das Gewebe zu „entschlacken“.
Pausenmanagement: Ein erschöpftes System braucht Zeit. Wir arbeiten in Intervallen, die das Pferd fordern, aber nicht überfordern.
Fazit: Ursachenforschung statt Symptombekämpfung
Eine Trageerschöpfung entsteht nicht über Nacht. Sie ist das Resultat von unpassendem Equipment, falschem Training oder einer Überforderung der natürlichen Biomechanik. In meiner Arbeit helfe ich dir dabei, die Anzeichen frühzeitig zu deuten und einen Trainingsplan zu erstellen, der dein Pferd wieder in seine kraftvolle Mitte bringt.
Ein Pferd, das lernt, sich selbst zu tragen, gewinnt nicht nur seine Beweglichkeit zurück, sondern auch seine Ausstrahlung und Lebensfreude.