Was wollen uns kranke Augen sagen?

Es gibt in der ganzheitlichen Betrachtung von Krankheiten die Vorstellung, dass bestimmte Körperstellen oder Erkrankungen eine symbolische Bedeutung haben können. Die Augen werden dabei häufig mit Wahrnehmung und dem eigenen Blick auf die Welt verbunden. Eine Frage, die dabei immer wieder auftaucht, ist: Gibt es etwas, das ich nicht sehen möchte?

Ich finde diese Frage interessant, weil sie mich persönlich seit Jahren begleitet – und inzwischen tatsächlich fast alle meine Tiere irgendwann einmal mit einem entzündeten Auge zu tun hatten. Und gerade jetzt beschäftigt mich das wieder besonders, denn mein Pferd Jeff ist vor kurzem mit 32 Jahren gestorben. Seine erste schwere Augenentzündung hatte er vor ungefähr fünf Jahren. Sie war so massiv, dass er in die Klinik musste und dort wegen einer Boxerkeratitis mit Laser behandelt wurde. Danach durfte ich zu Hause die Nachsorge übernehmen. Bis zu 14-mal am Tag musste ich ihm etwas ins Auge geben.

Für mich war diese erste Erkrankung damals ein ziemlicher Einschnitt. Ich nahm mir eine Auszeit von meinem Job, blieb bei Jeff und kümmerte mich um ihn. Rückblickend war diese Zeit der Anfang einer ziemlich großen Veränderung in meinem Leben. Ich hatte damals tatsächlich etwas, das ich mir anschauen musste: Ich war auf dem direkten Weg ins Burnout. Mein Job hatte mich jahrelang unglaublich viel Energie gekostet und ich hatte irgendwann schlicht keine mehr. Jeff zwang mich – wenn man das so sagen darf – anzuhalten. Raus aus dem Büro, raus aus dem Funktionieren, rein in die Natur und zu meinem Pferd.

Ich begann, mein Leben neu zu sortieren. Und irgendwann war klar, dass ich auch beruflich einen anderen Weg gehen möchte.

Also ja: Bei dieser ersten Augenentzündung könnte man die symbolische Bedeutung geradezu mit dem Textmarker markieren.

Schau hin, Nadja.

Du kannst so nicht weitermachen.

Nur: Die Geschichte hörte damit nicht auf.

Dann kamen die anderen Augen

Zwei Jahre später holte ich einen Kater aus dem Tierheim. Er hatte eine massive Augenentzündung, eine Herpeskeratitis (von der ich zum Zeitpunkt als ich mich entschieden hatte ihn zu adoptieren noch nichts wusste!). Das Auge sah zeitweise wirklich schlimm aus – fast so, als wäre eine Delle darin. Auch ihn bekam ich wieder gesund.

Dann kam Lea, mein zweites Pferd. Auch Lea hatte eine Augenentzündung.

Später Banana Split, eines meiner Tierschutzpferde. Wieder ein Auge.

Und irgendwann bekam auch noch eines meiner Hühner eine Augenentzündung und verstarb wenige Tage nach Jeff. Spätestens da dachte ich mir: Jetzt wird es aber eigenartig. Ein Huhn hatte ich in meiner persönlichen Theorie nämlich bisher noch nicht vorgesehen. Was kommt als Nächstes? Der Goldfisch?

Und Jeff hatte seine Augenprobleme über die Jahre immer wieder. Bis zuletzt. Zwei Tage vor seinem Tod bekam er noch einmal eine Augenentzündung. Da sitzt man dann schon da und fragt sich irgendwann, ob einem das Leben vielleicht seit fünf Jahren denselben Zettel unter die Nase hält und man ihn einfach nicht lesen kann.

Aber was soll ich denn noch anschauen?

Das ist für mich tatsächlich die schwierigste Frage daran. Ich habe darüber nachgedacht. Sehr viel. Ich habe Therapien gemacht, Gespräche geführt, Zusammenhänge gesucht und mich immer wieder gefragt, wo ich vielleicht noch nicht genau hinschaue. Die erste Augenentzündung war relativ eindeutig: Nadja, schau hin. Dein Leben funktioniert so nicht mehr. Das habe ich getan. Ich habe meinen Job verändert. Ich arbeite inzwischen mit Pferden, bin mehr in der Natur und habe viele Dinge, die mich früher enorm beschäftigt haben, tatsächlich losgelassen.

Natürlich sind nicht alle Themen verschwunden. Perfektionismus kenne ich noch immer ziemlich gut. Leistung und Verantwortungsgefühl sind ebenfalls nicht plötzlich weg. Ich neige immer noch dazu, mir zu viel aufzuladen. Aber gleichzeitig weiß ich auch, dass sich sehr viel verändert hat. Ich bin nicht mehr dieselbe Person wie vor fünf Jahren. Deshalb frage ich mich manchmal:

Was sehe ich noch nicht?

Und noch viel interessanter:

Wer sagt eigentlich, dass überhaupt noch etwas da sein muss, das ich nicht sehe?

Vielleicht suche ich inzwischen auch einfach nach einer Erklärung, weil mir die Häufung so ungewöhnlich vorkommt.

Was sagt die Wissenschaft dazu?

Eine direkte Übertragung von psychischen Themen oder Krankheiten vom Menschen auf sein Tier ist wissenschaftlich nicht belegt.

Was wir dagegen wissen: Tiere reagieren auf ihre Umwelt und auch auf den Menschen, mit dem sie leben. Gerade bei Pferden gibt es Hinweise darauf, dass sie menschliche Körpersprache und emotionale Zustände wahrnehmen und darauf reagieren. Stress wiederum kann biologische Prozesse und das Immunsystem beeinflussen.

Das ist allerdings etwas völlig anderes als: „Ich habe ein Problem, deshalb bekommt mein Pferd eine Augenentzündung.“

Auch die Ursachen von Augenentzündungen selbst sind sehr unterschiedlich. Infektionen, Verletzungen, Fremdkörper, Umweltreize und immunologische Prozesse kommen ebenso infrage. Beim Pferd gibt es außerdem Erkrankungen wie die wiederkehrende Uveitis, bei der mehrere Faktoren zusammenspielen können.

Meine Tiere haben außerdem in diesen fünf Jahren nicht alle unter denselben Bedingungen gelebt. Ich bin umgezogen, die Pferde sind umgezogen, Lebenssituationen haben sich verändert und natürlich hat jedes Tier seine eigene Geschichte.

Eine gemeinsame Umwelt als einfache Erklärung funktioniert deshalb auch nicht wirklich.

Und was ist nun mit der symbolischen Bedeutung?

In ganzheitlichen Krankheitsmodellen werden Augen häufig mit dem Thema Wahrnehmung und Sehen verbunden. Eine Augenentzündung wird dort sinngemäß manchmal als Konflikt mit dem gesehen, was man wahrnimmt oder wahrnehmen möchte.

Manche Ansätze fragen beispielsweise:

Gibt es etwas, das ich nicht sehen möchte?
Etwas, das mir „ins Auge sticht“?
Etwas, das ich anders sehen müsste?
Bin ich von etwas überfordert, das ich ständig anschauen muss?

Solche Deutungen können als persönliche Reflexionsfragen interessant sein. Sie sind aber natürlich keine wissenschaftlich belegten Ursachen für eine Augenentzündung.

Und diese Unterscheidung ist wichtig. Wenn mein Pferd ein entzündetes Auge hat, bekommt es zuerst die medizinische Versorgung, die es braucht. Ich würde niemals eine mögliche symbolische Bedeutung an die Stelle einer tierärztlichen Untersuchung setzen. Aber wenn das Auge behandelt ist, kann ich mich natürlich trotzdem fragen:

Was kann ich daraus lernen?

Das eine schließt das andere nicht aus.

Werden die Augenentzündungen irgendwann aufhören?

Das ist tatsächlich eine Frage, die ich mir stelle.

Wenn ich irgendwann wirklich angekommen bin – hören sie dann auf?

Das wäre zumindest ein ziemlich interessantes Experiment.

Vielleicht muss ich auch gar nicht mehr alles finden.

Vielleicht bedeutet „Ankommen“ irgendwann genau das: nicht mehr zwanghaft nach der letzten verborgenen Erklärung zu suchen.

Und vielleicht war die wichtigste Botschaft von Jeffs erster Augenentzündung tatsächlich schon damals ziemlich klar.

Schau hin.

Das habe ich getan.

Was die anderen Augen mir sagen wollten, weiß ich bis heute nicht.

Aber ich werde berichten, sollte ich die Bedeutung endlich erkannt haben.

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Alleine ins Gelände: Vom kleinen Schritt zum großen Abenteuer