Alleine ins Gelände: Vom kleinen Schritt zum großen Abenteuer
Manchmal ist der erste Schritt nach draußen der schwerste.
Das Thema hat mich selbst gerade ziemlich beschäftigt, denn Max wurde schon bei den ersten Schritten weg von seiner Herde panisch. Ich habe mir mit ihm immer gewünscht, irgendwann stundenlang oder sogar mehrere Tage unterwegs sein zu können, beim Wanderreiten oder auf langen Spaziergängen neue Wege zu erkunden und gemeinsam die Welt zu entdecken. Trotzdem habe ich das Thema lange vor mir hergeschoben, weil natürlich auch die eigene Angst mitspielt: Was, wenn es bei meinem eigenen Pferd tatsächlich nicht funktioniert?
Irgendwann habe ich mich dieser Angst gestellt und angefangen.
Wir haben wirklich winzig klein begonnen. Ein paar Schritte weg von der Herde, dann ein paar Meter, irgendwann bis zum Nachbarn. Die Fortschritte waren so klein, dass sie von außen wahrscheinlich kaum wahrnehmbar waren. Für mich waren sie riesig.
Als wir es zum ersten Nachbarn geschafft hatten, habe ich Max gelobt, als hätte er gerade persönlich den nächsten Olympiasieg eingefahren. Die ältere Runde der Nachbarn, die hier jeden Abend zusammensitzt, hat mich dabei wahrscheinlich endgültig für durchgeknallt erklärt. Für sie war es ein Pferd, das ein paar Meter zum Nachbarn gegangen war. Für mich war es der erste Beweis, dass wir es schaffen können.
Am nächsten Morgen war der übernächste Nachbar dran. Und dann passierte etwas, das ich so schnell selbst nicht erwartet hatte: Wir gingen zum ersten Mal eine richtige Runde. Sie dauerte gerade einmal zehn Minuten. Aber es war eine richtige Runde. Wir waren nicht einfach ein paar Meter von der Herde weggegangen und wieder umgedreht, sondern hatten einen kleinen Weg geschafft, waren unterwegs gewesen und wieder nach Hause gekommen. Und genau da schossen mir die Tränen in die Augen. Max war entspannt. Er wollte gar nicht zurück und bot mir sogar noch Seitengänge an, als wollte er die Zeit draußen möglichst gut ausnutzen.
Wir hatten es geschafft.
Unser erster langer Spaziergang bis zur Donau, der rund eineinhalb Stunden dauerte, folgte etwa einen Monat nach Beginn unseres Trainings.
Warum Kleinschrittigkeit beim Geländetraining so wichtig ist
Gerade bei einem Pferd, das beim Entfernen von der Herde stark reagiert, kann es sinnvoll sein, die Anforderungen zunächst deutlich kleiner zu wählen, als wir Menschen sie intuitiv für notwendig halten. Das Pferd soll die Möglichkeit bekommen, neue Erfahrungen zu sammeln, ohne dabei immer wieder an den Punkt zu kommen, an dem Angst und Stress die Verarbeitung übernehmen.
Dabei geht es weniger darum, jeden Tag eine bestimmte Strecke zu schaffen. Viel wichtiger ist, dass das Pferd mit der jeweiligen Situation zunehmend vertraut wird und dabei möglichst viele Erfahrungen macht, die es erfolgreich bewältigen kann.
Wenn heute zehn Meter gut funktionieren, können zehn Meter ein hervorragendes Training gewesen sein. Vielleicht sind morgen fünfzehn Meter möglich, vielleicht aber auch wieder nur zehn. Gerade bei unsicheren Pferden ist es vollkommen in Ordnung, wenn der Trainingsweg nicht jeden Tag sichtbar länger wird.
Bei Max war genau das wichtig. Ich musste lernen, meine eigene Vorstellung davon, wie schnell wir vorankommen sollten, zurückzustellen und seine kleinen Fortschritte ernst zu nehmen.
unter angst ist kein lernen möglich
Eine Methode, die bei der Arbeit mit unsicheren Pferden häufig eingesetzt wird, ist die kontrollierte Annäherung an einen angstauslösenden Reiz. Dabei geht es darum, die Distanz oder Intensität so zu wählen, dass das Pferd den Reiz wahrnehmen kann, ohne bereits völlig von seiner Reaktion überrollt zu werden.
Zeigt das Pferd beispielsweise deutlich, dass ihm der Abstand zur Herde gerade zu groß wird, kann man wieder etwas näher an die Herde herangehen. Das ist eine Möglichkeit, die Anforderung wieder auf ein Niveau zu bringen, auf dem Lernen überhaupt möglich bleibt.
Entscheidend ist dabei, die Körpersprache des Pferdes lesen zu können. Ein Pferd, das aufmerksam ist, sich aber noch orientieren und ansprechbar bleiben kann, befindet sich in einer anderen Situation als ein Pferd, das nur noch nach Hause möchte, stark schwitzt, davonstürmen will oder gar nicht mehr in der Lage ist, auf seinen Menschen zu reagieren.
Annäherung und Rückzug sollten deshalb nicht als festes Hin-und-her-Schema verstanden werden. Es geht vielmehr um gutes Timing und eine passende Dosierung des Reizes. Das Pferd soll erleben, dass schwierige Situationen bewältigbar sind und dass sein Mensch seine Signale wahrnimmt.
Auch bekannte Aufgaben können draußen Sicherheit geben
Eine weitere Möglichkeit ist, dem Pferd draußen Aufgaben anzubieten, die es bereits kennt. Das kann einfache Bodenarbeit sein, eine bekannte Führübung, Seitengänge oder beispielsweise das Arbeiten mit einem Target.
Beim Target lernt das Pferd, einem bestimmten Gegenstand mit der Nase zu folgen oder ihn gezielt zu berühren. Das kann später auch außerhalb der gewohnten Umgebung als bekannte Aufgabe eingesetzt werden. Ein Pferd, das gerade mit vielen neuen Eindrücken beschäftigt ist, bekommt dadurch eine konkrete Handlung angeboten, an der es sich orientieren kann.
Targettraining kann deshalb Aufmerksamkeit, Kommunikation und Körperkoordination unterstützen. Es sollte allerdings nicht dazu dienen, Angst einfach zu überdecken. Wenn ein Pferd aufgrund eines Reizes bereits stark überfordert ist, hilft auch ein Target nicht dabei, die zugrunde liegende Angst aufzulösen. Dann muss zunächst die Situation wieder so verändert werden, dass das Pferd überhaupt wieder ansprechbar und lernfähig wird.
Für Max waren im Gelände vor allem das Hufeheben auf Kommando und die Seitengänge sehr hilfreich – schließlich gehören genau diese Übungen zu seinen Lieblingsaufgaben. Wichtig ist dabei, aufmerksam zu beobachten, wann seine Konzentration nachlässt, er beginnt, sich stärker am Außen zu orientieren, und genau in diesem Moment eine Übung abzufragen.
Verschiedene Wege führen ins Gelände
Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, ein Pferd auf das selbstständige Gehen im Gelände vorzubereiten. Manche Trainer arbeiten stärker über systematische Desensibilisierung, bei der das Pferd schrittweise an bestimmte Reize gewöhnt wird. Andere legen großen Wert auf Führtraining, Körpersprache, Orientierung am Menschen oder darauf, die Eigenständigkeit des Pferdes zu fördern.
Welche Methode sinnvoll ist, hängt stark vom einzelnen Pferd ab. Alter, Vorerfahrungen, Charakter, Trainingsstand, Beziehung zum Menschen und natürlich auch die jeweilige Umgebung spielen dabei eine Rolle.
Du möchtest dein Pferd sicher fürs Gelände aufbauen?
Vielleicht steht ihr gerade noch ganz am Anfang und dein Pferd schafft nur ein paar Schritte weg von der Herde. Vielleicht seid ihr schon unterwegs, aber bestimmte Situationen machen euch noch Schwierigkeiten. Oder du möchtest dein Pferd gezielt aufbauen lassen, hast selbst nicht die Zeit für regelmäßiges Training oder fühlst dich bei den ersten Schritten alleine noch nicht sicher genug.
Ich unterstütze dich gerne dabei, einen passenden Trainingsweg für euch zu finden und die ersten Schritte gemeinsam zu erarbeiten. Auf Wunsch kann ich das Geländetraining auch vollständig übernehmen und dein Pferd regelmäßig bei euch am Stall trainieren.
Dabei passe ich die Einheiten an das jeweilige Pferd an und arbeite in kleinen, machbaren Schritten, sodass aus anfänglicher Unsicherheit nach und nach mehr Routine und Sicherheit entstehen kann.