„Das kommt vom ISG.“
Diesen Satz hört man im Pferdebereich ziemlich häufig. Und manchmal folgt gleich die Erklärung: Das Pferd hat sich vertreten, ist ausgerutscht, hat sich beim Aufsteigen verdreht oder ist beim Springen schlecht gelandet – und dabei hat sich das ISG „verschoben“ oder „blockiert“.
Das klingt erstmal wunderbar logisch. Ein Problem, eine Ursache, eine Struktur, die man wieder „lösen“ kann.
Aber kann ein Pferd sein ISG tatsächlich blockieren?
Die kurze Antwort lautet: Ganz so einfach ist es nicht.
Erst einmal: Dein Pferd hat zwei ISGs
ISG steht für Iliosakralgelenk, also die Verbindung zwischen dem Kreuzbein und dem Becken. Das Pferd besitzt zwei davon – eines rechts und eines links.
Das ISG ist allerdings nicht mit einem Kugelgelenk wie der Hüfte vergleichbar. Dort kann sich der Gelenkkopf in viele Richtungen deutlich bewegen.
Das ISG ist vielmehr eine sehr stabile, flache Gelenkverbindung, die durch ihre Form, kräftige Bindegewebsstrukturen und die umliegende Muskulatur stark gesichert wird.
Und trotzdem ist es nicht komplett unbeweglich.
Untersuchungen haben gezeigt, dass sich zwischen Kreuzbein und Becken tatsächlich kleine Bewegungen messen lassen. In einer experimentellen Untersuchung lag die durchschnittliche Bewegung des ISG bei etwa 0,8 Grad. Zum Vergleich: An der lumbosakralen Verbindung (LSÜ) – also dem Übergang von Lendenwirbelsäule zu Kreuzbein – wurden unter den gleichen Versuchsbedingungen durchschnittlich etwa 23 Grad Bewegung gemessen.
Das ist ein ziemlich großer Unterschied.
Das ISG ist also eher eine stabile Kraftübertragungsstelle mit sehr kleiner Beweglichkeit als ein Gelenk, das große Bewegungen ausführt.
Und genau hier beginnt das Problem mit dem Wort „Blockade“.
Kann das ISG „blockieren“?
Der Begriff wird in der manuellen Therapie, Osteopathie und Physiotherapie häufig verwendet. Wissenschaftlich ist eine „ISG-Blockade“ allerdings keine klar definierte Diagnose.
Eine aktuelle Übersichtsarbeit zur Diagnostik von sogenannten „sacroiliac dysfunctions“ beim Pferd zeigt genau dieses Problem: Es gibt keinen einzelnen Test, der zuverlässig und eindeutig eine ISG-Dysfunktion feststellen kann. Die Region ist tief gelegen, von vielen anderen Strukturen umgeben und die verschiedenen Untersuchungsmethoden können unterschiedliche Dinge erfassen.
Das bedeutet nicht, dass es im Bereich des ISG keine Probleme geben kann.
Natürlich können dort Schmerzen, Veränderungen der Beweglichkeit, Veränderungen der Stabilität, muskuläre Spannungen oder andere funktionelle Auffälligkeiten auftreten.
Aber die Aussage
„Das ISG ist blockiert.“
ist wesentlich eindeutiger, als es die wissenschaftliche Datenlage eigentlich erlaubt.
Denn dafür müsste man ziemlich genau wissen, was vor der Behandlung nicht funktioniert hat, also wo genau es eine Bewegungseinschränkung gab und was danach wieder beweglich wurde.
Und genau das lässt sich beim Pferd nicht so einfach zeigen.
Warum hört man dann so oft von einer „ISG-Blockade“?
Weil der Begriff eine ziemlich praktische Erklärung liefert.
Das Pferd läuft plötzlich anders. Es lässt sich auf einer Hand schlechter biegen. Es tritt nicht mehr richtig unter. Es mag bestimmte Bewegungen nicht. Die Hinterhand wirkt asymmetrisch. Vielleicht buckelt es beim Angaloppieren oder verweigert bestimmte Aufgaben.
Und dann ist es verlockend, für all diese Beobachtungen eine einzelne Struktur verantwortlich zu machen.
Das ISG liegt dabei besonders nahe: Es verbindet die Hinterhand mit der Wirbelsäule und spielt eine wichtige Rolle bei der Übertragung von Kräften.
Aber Bewegung funktioniert nicht wie ein System aus einzelnen Schaltern.
Ein Pferd bewegt sich als gesamtes System.
Eine Veränderung in der Hinterhand kann mit der Wirbelsäule zusammenhängen. Die Wirbelsäule beeinflusst wiederum die Bewegung der Hinterbeine. Schmerzen in einem Hinterbein können das gesamte Bewegungsmuster verändern. Auch Hufe, Sattel, Trainingszustand, Muskulatur, Koordination, Reiter und Haltung können eine Rolle spielen.
Und manchmal liegt die Ursache für ein Problem, das „wie ein ISG-Problem aussieht“, eben gar nicht primär im ISG.
Besonders interessant: der LSÜ
Direkt vor dem Kreuzbein liegt der lumbosakrale Übergang, also der Übergang zwischen Lendenwirbelsäule und Kreuzbein.
Und diese Region ist im Vergleich zum ISG deutlich beweglicher.
Die bereits erwähnte Untersuchung von Degueurce und Kollegen zeigt sehr eindrucksvoll, wie unterschiedlich diese beiden Bereiche funktionieren: Während am ISG nur sehr kleine Bewegungen gemessen wurden, war die Bewegung an der lumbosakralen Verbindung um ein Vielfaches größer.
Bei einem beträchtlichen Anteil der untersuchten Pferde findet sich eine abweichende Wirbelformel bzw. eine sogenannte Sakralisierung des letzten Lendenwirbels. In einer Untersuchung von 120 Pferden wurden solche Variationen bei rund einem Drittel der Tiere gefunden.
Das bedeutet nicht: „Das eigentliche Problem ist immer der LSÜ.“ Es zeigt vielmehr, dass sich in dieser kleinen Körperregion mehrere Strukturen mit sehr unterschiedlichen biomechanischen Eigenschaften befinden, die sich aber. gegenseitig beeinflussen.
Man kann sich das vereinfacht so vorstellen:
Hinterbein → Becken → ISG → Kreuzbein → LSÜ → Lendenwirbelsäule
Die Strukturen sind also nicht voneinander getrennt.
Wenn ein Pferd im Bereich von Kreuzbein und Becken auffällig ist, lässt sich deshalb nicht automatisch sagen: Das ISG ist schuld.
Warum bekommt ein Pferd überhaupt Probleme in dieser Region?
Dafür gibt es leider nicht die eine Ursache.
Mögliche Faktoren sind beispielsweise:
Schmerzen oder Probleme an der Hinterhand
Eine Lahmheit oder Schmerzen an einem Hinterbein können das gesamte Bewegungsmuster verändern. Das Pferd belastet anders, stabilisiert anders und benutzt seine Muskulatur anders. Dadurch kann die Belastung der Becken- und Rückenmuskulatur verändert werden.
Fehlende oder unpassende Konditionierung
Muskulatur entsteht nicht einfach dadurch, dass ein Pferd regelmäßig bewegt wird. Ein Pferd kann viel laufen und trotzdem nicht ausreichend Kraft, Koordination und Rumpfstabilität für die Anforderungen entwickeln, die wir ihm stellen.
Reiterliche Einflüsse
Auch unsere Einwirkung verändert die Bewegung. Balance, Sitz, Hände, Tempo, Geraderichtung, fehlende oder falsch aufgebaute Versammlung – all das beeinflusst, wie ein Pferd seinen Körper organisiert.
Vielleicht fehlt dem Pferd schlicht die Kraft.
Vielleicht wurde eine bestimmte Bewegung nie richtig aufgebaut.
Vielleicht ist die Belastung zu schnell gesteigert worden.
Vielleicht passt der Sattel nicht optimal.
Vielleicht gibt es eine unerkannte Lahmheit.
Oder vielleicht gibt es tatsächlich eine strukturelle Veränderung im Bereich des ISG oder der Lenden-/Kreuzbeinregion.
Die Liste lässt sich noch ziemlich lange fortsetzen.
Das Problem mit der schönen einfachen Erklärung
Ich glaube, dass wir Menschen einfache Erklärungen lieben.
„Das ISG ist blockiert.“
Das ist wunderbar greifbar. Man kann sich vorstellen, wo das Problem sitzt.
Und noch schöner: Man kann sich vorstellen, dass jemand kommt, ein bisschen daran arbeitet, knack, das ISG ist wieder frei – und plötzlich läuft das Pferd wieder perfekt.
Nur funktioniert der Pferdekörper leider nicht wie ein Lego-Bausatz. Ein Pferd ist ein Bewegungssystem. Wenn sich an einer Stelle etwas verändert, reagieren häufig andere Strukturen darauf. Und manchmal ist die vermeintliche „Blockade“ tatsächlich nur ein Teil einer viel größeren Geschichte.
Kann man die Region trotzdem mobilisieren?
Ja. Und genau hier kommt für mich der Unterschied zwischen „ISG einrenken“ und sinnvoller Arbeit an der gesamten Region ins Spiel. Ich schaue mir die gesamte Region an und frage mich: Wo ist Bewegung eingeschränkt? Wo gibt es Spannung? Wie arbeitet die Muskulatur? Wie bewegt sich das Pferd insgesamt?
Je nach Ergebnis können dabei beispielsweise verschiedene Formen von manueller Arbeit sinnvoll sein:
Massage der beteiligten Muskulatur
sanfte Mobilisationen
Dehnungen
rhythmische Schüttelungen
vorsichtige Traktionen
und vor allem passende Bewegung und gymnastizierendes Training
Für manuelle Therapieverfahren beim Pferd gibt es zwar eine etablierte klinische Anwendung, die wissenschaftliche Evidenz für die Wirkung einzelner Techniken ist aber insgesamt noch begrenzt. Eine veterinärmedizinische Übersichtsarbeit weist ausdrücklich darauf hin, dass für viele konkrete Techniken beim Pferd noch gute kontrollierte Studien fehlen.
Deshalb würde ich auch hier keine Wunderwirkung versprechen.
Massage macht kein schlecht trainiertes Pferd plötzlich stark.
Mobilisation ersetzt kein Training.
Und eine gelöste Muskulatur löst nicht automatisch die Ursache eines Problems.
Mein Fazit: Weniger „Blockade“, mehr Spurenlesen
Das ISG ist eine faszinierende Struktur.
Es ist extrem stabil, bewegt sich nur minimal und ist gleichzeitig ein wichtiger Bestandteil der Verbindung zwischen Hinterhand und Wirbelsäule.
Ja, die ISG-Region kann schmerzhaft und funktionell auffällig sein.
Aber „ISG-Blockade“ ist keine Erklärung, mit der sich jedes Hinterhand- oder Rückenproblem automatisch erklären lässt.
Und gerade weil die Region so tief liegt und diagnostisch schwierig zu beurteilen ist, lohnt sich ein genauerer Blick auf das gesamte Bewegungssystem.
Vielleicht müssen wir also manchmal aufhören, nach dem einen kleinen Ding zu suchen, das man nur wieder „lösen“ muss.
Und stattdessen anfangen, die Spuren zu lesen.
Denn der Pferdekörper ist selten ein Rätsel mit nur einer Antwort.
Und genau das macht ihn so spannend.