Die Lateralität des Pferdes: Natürliche Schiefe, motorische und sensorische Seitigkeit verstehen
Dass Menschen eine bevorzugte Hand haben, ist uns vertraut. Aber auch Pferde zeigen Seitenpräferenzen – und diese können sich auf Bewegung, Koordination, Wahrnehmung und Verhalten auswirken.
Warum fällt einem Pferd das Angaloppieren auf einer Hand leichter? Warum biegt es sich auf einer Seite müheloser als auf der anderen? Und warum reagiert es auf einen neuen Gegenstand von einer Seite scheinbar völlig anders?
Wer sich mit Bewegung und Training des Pferdes beschäftigt, stößt schnell auf das Thema Lateralität, also die Seitigkeit.
Dabei lohnt es sich, genauer hinzusehen. Denn Lateralität ist nicht gleich Lateralität. Wissenschaftlich werden unter anderem körperliche Asymmetrie bzw. natürliche Schiefe, motorische Lateralität und sensorische Lateralität unterschieden.
1. Körperliche Asymmetrie: Die natürliche Schiefe
Kein Pferd ist vollkommen symmetrisch aufgebaut. Kleine Unterschiede in Körperbau, Bewegungsmuster und Muskelentwicklung gehören zur natürlichen Individualität.
Diese körperliche Asymmetrie wird häufig als natürliche Schiefe bezeichnet. Sie kann sich beispielsweise darin zeigen, dass ein Pferd auf einer Hand leichter in die Biegung findet, auf einer Seite eher mit der Schulter ausweicht oder eine Hintergliedmaße anders einsetzt als die andere.
Dabei sollte man jedoch nicht in ein zu einfaches Schema verfallen:
„Hohle Seite = verkürzt“ und „steife Seite = verlängert“ beschreibt die komplexe Bewegungsasymmetrie des Pferdes nur sehr unvollständig.
Viel interessanter ist die Frage:
Wie organisiert dieses individuelle Pferd seinen Körper in Bewegung?
Ziel des Trainings sollte deshalb nicht sein, das Pferd mit Gewalt „gerade zu machen“. Vielmehr geht es darum, Balance, Beweglichkeit, Koordination und eine möglichst gleichmäßige Kraftentwicklung auf beiden Seiten zu fördern.
Gymnastizierende Arbeit wie Seitengänge, Stangen- und Kavalettiarbeit, Handarbeit oder gezielte Longenarbeit kann dabei sinnvoll eingesetzt werden.
2. Motorische Lateralität: Die „Händigkeit“ in der Bewegung
Neben der körperlichen Asymmetrie zeigen Pferde auch motorische Seitenpräferenzen.
Damit ist gemeint, dass ein Pferd bestimmte Bewegungen bevorzugt mit einer Körperseite oder Gliedmaße ausführt.
Das kann sich beispielsweise zeigen beim:
Übertreten über eine Stange
Aufnehmen eines ersten Schrittes
Wenden oder Ausweichen
Anspringen in den Galopp
Spielen und Bewegungen auf der Weide
Bewältigen bestimmter Hindernisse
Solche Präferenzen sind nicht einfach mit „stärker“ und „schwächer“ gleichzusetzen. Ein Pferd kann eine bestimmte Gliedmaße bevorzugt einsetzen, weil dies für seine individuelle Koordination günstiger oder vertrauter ist.
Motorische Lateralität ist außerdem nicht vollkommen starr. Sie kann durch Erfahrung, Training und die jeweilige Situation beeinflusst werden. Untersuchungen zeigen beispielsweise, dass das Tragen eines Reiters die Stärke einer motorischen Seitenpräferenz beeinflussen kann.
Für das Training bedeutet das:
Es geht nicht darum, eine vermeintlich „falsche“ Seite wegzutrainieren. Vielmehr sollten wir erkennen, welche Bewegungsstrategie das Pferd bevorzugt und wo es Unterstützung bei Koordination, Kraft und Balance benötigt.
3. Sensorische Lateralität: Mit welcher Seite nimmt das Pferd die Welt wahr?
Auch die Sinneswahrnehmung kann seitliche Präferenzen zeigen.
Pferde können beispielsweise bestimmte Situationen bevorzugt mit einem Auge oder von einer bestimmten Körperseite aus betrachten. Besonders bei neuen oder emotional bedeutsamen Reizen wurde eine häufigere Nutzung des linken Auges beobachtet.
Der Grund liegt unter anderem darin, dass die Informationen aus den beiden Gesichtsfeldern überwiegend in der jeweils gegenüberliegenden Gehirnhälfte verarbeitet werden. Die beiden Gehirnhälften sind dabei nicht vollkommen identisch organisiert und können unterschiedliche Aufgaben bzw. Verarbeitungsstrategien bevorzugen.
Das bedeutet aber nicht, dass die rechte Gehirnhälfte einfach für „Emotionen und Flucht“ und die linke für „Logik und Lernen“ zuständig ist.
Das Gehirn des Pferdes arbeitet als komplexes Netzwerk.
Dennoch kann es für das Training interessant sein, zu beobachten, von welcher Seite ein Pferd einen neuen Reiz bevorzugt betrachtet und wie es darauf reagiert.
Ein Pferd, das einen unbekannten Gegenstand zunächst mit dem linken Auge betrachtet, muss deshalb nicht automatisch „ängstlicher“ oder „unsicherer“ sein. Die bevorzugte Seite kann uns aber einen Hinweis darauf geben, wie das Pferd die jeweilige Situation gerade verarbeitet.
Warum das Verständnis von Lateralität das Training verändern kann
Wenn wir die verschiedenen Formen der Lateralität kennen, betrachten wir Bewegungs- und Verhaltensunterschiede nicht mehr automatisch als „Ungehorsam“, „Sturheit“ oder mangelnde Motivation.
Ein Pferd, das auf einer Hand schlechter galoppiert, sich auf einer Seite schwerer biegt oder einen Gegenstand zunächst von einer bestimmten Seite betrachten möchte, zeigt möglicherweise eine individuelle Bewegungs- oder Wahrnehmungsstrategie.
Das bedeutet nicht, dass jede Schwierigkeit mit Lateralität erklärt werden kann.
Schmerzen, körperliche Einschränkungen, mangelnde Ausbildung, schlechte Erfahrungen oder die aktuelle emotionale Situation können ebenfalls eine wichtige Rolle spielen.
Gerade deshalb ist es sinnvoll, Körper, Bewegung und Verhalten gemeinsam zu betrachten.
Lateralität im Physio-FIT Training
Im Physio-FIT Training berücksichtige ich die individuellen Seitenpräferenzen deines Pferdes und beobachte dabei verschiedene Ebenen:
Wie bewegt sich das Pferd auf beiden Händen?
Gibt es Unterschiede in Biegung, Koordination oder Bewegungsqualität?
Welche Gliedmaßen setzt es bevorzugt ein?
Wie verändert sich seine Bewegung bei unterschiedlichen Aufgaben?
Wie reagiert es auf neue Reize von der linken oder rechten Seite?
Darauf aufbauend können wir die Arbeit so gestalten, dass beide Körperseiten möglichst vielseitig genutzt werden und das Pferd zunehmend sicher, koordiniert und ausbalanciert agieren kann.
Dabei geht es nicht darum, eine natürliche Seitigkeit „wegzumachen“. Vielmehr wollen wir dem Pferd helfen, mit seinen individuellen Voraussetzungen möglichst gut zurechtzukommen.
Buchtipp: Lateralität bei Pferden
Wer noch tiefer in das Thema einsteigen möchte, dem kann ich das Buch „Lateralität bei Pferden“ von Konstanze Krüger, Isabell Marr und Kate Farmer empfehlen.
Das Buch verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit praktischen Möglichkeiten, die körperliche, motorische und sensorische Seitigkeit des eigenen Pferdes besser zu erkennen und im Training zu berücksichtigen. Die Autorinnen haben außerdem das Buch „Forschung trifft Pferd“ veröffentlicht. Auch darin ist der Lateralität ein eigenes Kapitel gewidmet. Darüber hinaus beschäftigt sich das Buch mit zahlreichen weiteren spannenden Themen rund um Pferdeverhalten, Haltung, Training und Wissenschaft.
Wer gerne genauer wissen möchte, was hinter dem steckt, was wir im Alltag mit unseren Pferden beobachten, findet hier jede Menge fundiertes Wissen – und meiner Meinung nach eine absolut empfehlenswerte Lektüre für alle, die Pferde besser verstehen möchten.
Du möchtest herausfinden, wie die Lateralität deines Pferdes ausgeprägt ist und wie ihr seine Balance und Koordination verbessern könnt?
Schreib mir gerne – beim Physio-FIT Erstcheck schauen wir uns dein Pferd ganzheitlich in Bewegung an und betrachten dabei auch seine individuellen Seitenpräferenzen.